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07.05.2024
Fachartikel

Pflegefamilien und ihre Betreuung

vor 26 Jahren geschrieben und immer noch aktuell

Für den paten Ausgabe 1-1998 habe ich damals einen Artikel geschrieben mit dem Titel: 'Betreuungsvielfalt oder Betreuungschaos'. Er beschrieb die Veränderungen in den Strukturen der Jugendämter hin zu den Einrichtungen spezieller Pflegekinderdienste. Ich richtete in diesem Zusammenhang einen intensiven Blick auf die reale Lebenssituation von Pflegefamilie und Pflegekind und den Grundpfeilern angemessener Begleitung und Betreuung in diesem Bereich privaten Lebens und emotionaler Entwicklungen. Der Artikel ist viele Jahre alt - aber - ich hätte ihn auch gestern schreiben können.

Betreuungsvielfalt oder Betreuungschaos – die Umorganisation der Verwaltung und ihre Auswirkung auf die Betreuung in der Pflegefamilie - Abs: 4: Die Auswirkungen auf die Situation der Pflegefamilie  (Artikel aus paten 1-1998)

Die unterschiedlichen Arbeitsmodelle, die Ablösung des einen Modells durch ein anderes Modell, die Neuaufgliederung der Arbeit innerhalb des Amtes, die Ausgliederung von Arbeitsteilen aus dem Amt heraus, Veränderungen von Konzepten und (nach einer Weile der Praxiserprobung) eine Nachbesserung dieser Konzepte – dies alles ist für die Pflegefamilie überwiegend nicht durchschaubar und erkennbar. Sie erlebt diese Veränderung hautnah durch – manchmal mehrfach – neu betreuende Sozialarbeiter und neue Arbeitsbedingungen und spürt, wie die allgemeine Verwirrung und Suche auch auf sie als Verunsicherung übergeht.

Betreuungsvielfalt darf für die Pflegefamilie nicht zum Betreuungschaos werden

Die Pflegefamilien fordern eine Betreuung, die dem Bedürfnis der Familie und dem besonderen Bedürfnis des Pflegekindes entsprechen muss.

Es besteht daher ein besonderer Bedarf nach:

Kontinuität

Jeder Wechsel der „Bezugsperson“ Sozialarbeiter verringert die Chance auf eine vertrauensvolle Beziehung. Nach mehrfachem Wechsel verweigert sich die Familie, besonders die Kinder – wenn die Sozialarbeiterin vorn zu Tür hereinkommt, gehen sie hinten (und sei es nur innerlich) zur Tür hinaus

Teamgeist

Die Pflegefamilie ist kein Klientel – kein Hilfesuchender. Sie ist der Leistungsträger einer Hilfe zur Erziehung, die das Jugendamt den hilfesuchenden Herkunfseltern gewährt. Auf ihren Schultern ruht die Hauptlast der Hilfe. Die Familie ist daher als herausragender Teil des Helfer-Netzes anzusehen und entsprechend ernst zu nehmen und zu beteiligen.

Betreuung und Unterstützung

Die Betreuung muss in ihrer Qualität den besonderen Bedürfnissen der einzelnen Pflegefamilie gerecht werden – sowohl was die Intensität der Beratung im zeitlichen Umfang als auch im fachlichen Können angeht. Es muss besonders zu Beginn eines Pflegeverhältnisses als auch zu Zeiten besonderer Erschwernisse eine Intensivierung der Betreuung möglich sein. Von besonderer Wichtigkeit ist ein hoher fachlicher Standard der Betreuung sowohl im pflegekindspezifischen Wissen als auch im passenden und hilfreichen Umgang mit Kind und Familie.

Finanzen

Der Unterhalt des Pflegekindes muss angemessen gesichert sein. Über diesen Unterhalt hinausgehende Aufwendungen müssen anstandslos erstattet oder übernommen werden. Die Erziehungsleistung der Pflegeeltern muss angemessen honoriert werden, dazu gehört auch die Sicherung eines Altersruhegeldes.

Fortbildung

Den Pflegeeltern muss Gelegenheit gegeben werden, sich fortbilden zu können. Wenn vor Ort aus Sicht der Pflegeeltern nicht genügend Möglichkeiten vorhanden sind, soll den Pflegeeltern anderweitige Fortbildungsmöglichkeiten angeboten und gewährt werden.

Austausch

Eine durch nichts Anderes zu ersetzende Hilfe ist der Austausch mit Gleichbetroffenen. Zur Regelmäßigkeit des Austausches trägt eine Pflegeelterngruppe bei. Eine solche Gruppe ist daher zu initiieren und zu unterstützen.

Krisenhilfe

In besonders schwierigen Situationen und in Zeiten großer Belastungen muss die Pflegefamilie Hilfe und Unterstützung einfordern können in Art und Weise und Umfang, die sie selbst für notwendig und hilfreich empfindet. Der Familie darf dadurch keine finanzielle Belastung entstehen.

Umgehen mit den Veränderungen

Die unterschiedlichen Modelle der Pflegekinderarbeit in den Kommunen sind nun abzuklopfen darauf, wie weit sie den o.a. Bedarf der Pflegefamilie und des Kindes gerecht werden können.

Es kann den Pflegeeltern nicht darum gehen, sich in die Diskussion um Organisation von Struktur und Verwaltungsarbeit einzulassen – es muss ihnen aber darum gehen, abzuklären, wie weit dies vor Ort strukturierte Pflegekinderarbeit ihren benannten Bedürfnissen gerecht wird.

Die Pflegeeltern und ihre Vertretungen müssen angehört werden, wenn es um Veränderungen geht – sie sind die Betroffenen und haben ein Recht auf Anhörung und Mitsprache.

Auch hier gilt das, was unter „Teamgeist“ steht:

Die Pflegefamilie leistet eine öffentliche Hilfe. Sie leistet sie als Familie, sie leistet sie rund um die Uhr, sie leistet sie mit und in ihrer Privatheit und daher ist diese Hilfe eine Hilfe mit Emotionen, Betroffenheit, Beziehung und Bindung. Daher sind Pflegefamilien auch emotional ‚erpressbar‘, zögerlich darin, ihren Bedarf deutlich zu machen, Ansprüche zu stellen. Viele lassen daher Veränderungen über sich ergehen, ohne sie an ihrem Bedarf zu messen.

Die Zeiten, die Kinder, die Probleme sind jedoch zu schwer, um sich durchzuwursteln.

Wir brauchen Qualität in der Arbeit mit den Pflegekindern. Qualität, die sich bezieht aus Kontinuiät, Wissen, Erfahrung, Mut, Können, Kreativität, Kraft und Freude und wir müssen alles tun, Arbeitsbedingungen für Fachkräfte und Pflegeeltern zu schaffen, die diese Qualität zulässt.

Auch heute erleben die Pflegefamilien noch unterschiedlichste Sichtweisen der Beteiligten der Pflegekinderhilfe z.B. vom Allgemeinem Dienst und dem Pflegekinderdienst des Jugendamtes oder auch vom ASD, Pflegekinderdienst und Amtsvormundschaft.

Auch heute geht es wieder um gesetzliche und behördliche Veränderungen. Ganz konkret z.B. um die Frage der Zuständigkeit von Jugendhilfe oder Eingliederungshilfe, um die Frage von Sonderpädagogischen oder Heilpädagogischen Pflegestellen, um die Frage von Bedarfen, die nicht vom Jugendamt abgedeckt werden können sondern von wem?

Die Pflegefamilie ist in ihren grundlegenden Eigenschaften unverändert geblieben. Alles was ich vor 26 Jahren dazu schrieb, stimmt immer noch! Es ist hoch aktuell. Dies wird nicht nur von mir selbst so gesehen, sondern auch von anderen Autoren und Referenten, die speziell die folgenden Aussagen zitiert haben und die ich deshalb noch einmal aus dem Artikel herausnehme und gesondert aufführe:

Die Pflegefamilie leistet eine öffentliche Hilfe. Sie leistet sie als Familie, sie leistet sie rund um die Uhr, sie leistet sie mit und in ihrer Privatheit und daher ist diese Hilfe eine Hilfe mit Emotionen, Betroffenheit, Beziehung und Bindung. Daher sind Pflegefamilien auch emotional ‚erpressbar‘, zögerlich darin, ihren Bedarf deutlich zu machen, Ansprüche zu stellen. Viele lassen daher Veränderungen über sich ergehen, ohne sie an ihrem Bedarf zu messen.

Die Zeiten, die Kinder, die Probleme sind jedoch zu schwer, um sich durchzuwursteln.

Wir brauchen Qualität in der Arbeit mit den Pflegekindern. Qualität, die sich bezieht aus Kontinuiät, Wissen, Erfahrung, Mut, Können, Kreativität, Kraft und Freude und wir müssen alles tun, Arbeitsbedingungen für Fachkräfte und Pflegeeltern zu schaffen, die diese Qualität zulässt.

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